27.02.19

Ein guter Ort für die letzte Wegstrecke

„Das Hospiz ist ein guter Ort am Lebensende. Hierher zu gehen war das Allerbeste, was ich für meine letzte Wegstrecke entschieden habe“, sagt Ilse M. Die 66-Jährige ist seit Anfang Januar Gast im Hospiz Esslingen.

© Ch. Reusch

Seit vier Jahren ist die Sozialpädagogin schwer an Krebs erkrankt, ließ viele Chemotherapien über sich ergehen, bevor sie sich für eine Begleitung der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) und damit gegen weitere Therapien entschloss. Als ihr zuhause alles zu beschwerlich wurde - auch, weil im Haus nichts behindertengerecht eingerichtet war - riet ihr die Hausärztin zum Hospiz. Im November 2018 schaute sie sich das Haus in Oberesslingen an und entschied sich noch am selben Abend dafür. „Man spürt, wenn es nicht mehr geht“, ist Ilse M., die eigentlich anders heißt, überzeugt. Sie berichtet von ihrer Freude, als die Nachricht kam, dass ein Platz für sie freigeworden war.

Vom ersten Moment an habe sie sich in ihrem großen, hellen Zimmer wohlgefühlt. Die besondere Atmosphäre des Hauses sei an vielen Stellen spürbar: Das sei zunächst die gepflegte und stilvolle Gestaltung der Räume wie auch die Sauberkeit („es riecht nicht nach Altersheim“). Vor allem aber der Umgang mit den Gästen sei ganz besonders: „Ich habe sofort gemerkt, dass hier jeder angenommen wird, wie er ist. Das ist sehr wertvoll.“ Das Team sei liebevoll, geduldig und empfänglich für die Sorgen der Gäste und Angehörigen. „Sie versuchen, uns alle Wünsche zu erfüllen.“ Immer sei viel Zeit für Gespräche. Wenn sie nachts nicht schlafen kann, was oft vorkommt, ist immer jemand da. Dann lindern die Mitarbeiterinnen ihre Schmerzen mit einem Wärmekissen oder sorgen für Entspannung, indem sie ihr Rücken oder Beine massieren.

So umsorgt und verwöhnt zu werden, genießt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Zuhause war sie es, für die die Familie im Mittelpunkt stand und die sich selbst zurückstellte. „Hier bin ich von allem entbunden, während ich zuhause noch die Hausarbeit  machen müsste.“ Ihr Mann ist noch berufstätig. Er wäre mit Haushalt und Pflege überfordert, sagt Ilse M.

Sich einfach ins Bett zu legen und auf den Tod zu warten, ist jedoch nicht Ilse Ms. Sache. Jeden Tag steht die zierliche, gepflegte Frau auf, duscht und kleidet sich an, bevor sie sich zum Frühstück an den großen runden Holztisch in der Wohnküche setzt. Auch das gemeinsame Mittag- und Abendessen, an dem die Mitarbeitenden und oft Ehrenamtliche teilnehmen, genießt Ilse M. Dann bleibt sie oft ein wenig länger sitzen, um sich zu unterhalten. So kommt sie in Kontakt mit anderen Hospizgästen oder deren Angehörigen. Denn auch diese sind jederzeit am Tisch willkommen. Erst heute hat der Koch Jörg Ilzhöfer, der regelmäßig im Hospiz letzte Essenswünsche erfüllt, ein besonders Mahl gezaubert. „Da wurde ein wildfremder Mann, der gerade erst seine Frau ins Hospiz gebracht hatte, einfach dazu eingeladen“, erzählt Ilse M. „Ist das nicht eine umwerfende Gastfreundschaft?“

Doch sie braucht stille Stunden  ganz für sich allein. Dann zieht sie sich in ihr Zimmer zurück, setzt sich in den bequemen Sessel und genießt die Sonnenstrahlen, die durch die große Scheibe Wärme verbreiten. Über dem kleinen Schreibtisch hat sie Familienbilder, Erinnerungsfotos von Urlauben und Briefe an die Wand geheftet. Auch Kinder und Enkel von Freunden haben für sie Bilder gemalt. Auf dem Tisch stehen Blumen. „Ich mag’s eher schlicht“, sagt Ilse M.

Dass sie im Hospiz den Freiraum hat, sich den anderen anzuschließen oder auch zurückzuziehen, gefällt ihr. „Ich habe viel nachzudenken über mein Leben.“ Sie telefoniert mit Freunden oder Familie und schreibt Briefe. „Baustellen abbauen, dass man in Frieden gehen kann“, nennt sie das. Ilse M. setzt sich intensiv mit dem Sterben auseinander. „Ich versuche für mich selbst innerlich abzuschließen. Aber manches lasse ich auch unangetastet, weil es zu schwierig ist. Wie ein Paket, das verschlossen bleibt.“ Bei der Auseinandersetzung mit dem Tod hilft ihr Pfarrerin Dorothea Gölz-Most, die von der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen aus für die Seelsorge im Hospiz verantwortlich ist. „Die geistliche Begleitung ist mir wichtig“, sagt Ilse M. Mit dem Pastor, der sie in ihrer Heimatgemeinde beerdigen wird, hat sie ebenfalls alles besprochen und ihm ihren Lebenslauf aufgeschrieben. Die eigene Beerdigung genau zu planen, fiel ihr nicht schwer. „Wenn man sich im Klaren ist, wo es hingeht, fällt es leicht, Abschied zu nehmen.“ Einzige Ausnahme sei die Familie.

Gelehrt, alles genau zu planen, habe sie eine Freundin, die vor kurzem verstarb und die es ihren Angehörigen so einfach wie möglich machen wollte. Dieser Gedanke treibt auch Ilse M. an. Was ging, hat sie geregelt. Besuche von Angehörigen oder Freunden kann sie, auch wenn sie gut gemeint sind, nur noch dosiert empfangen. „Ein Besuch am Tag, mehr ist mir zu viel.“ Dies kann sie heute sagen. „Ich habe hier im Hospiz gelernt, Grenzen zu setzen. Das konnte ich zuhause nicht.“

Ilse M. fühlt sich wohl im Hospiz. Und doch sagt sie: „Ich würde gerne schneller gehen, als es gerade aussieht.“ Das Leben wird für sie langsam zu beschwerlich. Und da ist auch die Furcht, die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Ihr letzter Wunsch? „Einfach einschlafen.“