22.02.13

Historischer Zeitungsfund im zukünftigen Hospizhaus

Im ehemaligen Oberesslinger Pfarrhaus sind die Handwerker eifrig bei der Arbeit. Gegenüber der Martinskirche entsteht das erste stationäre Hospiz im Landkreis Esslingen. Im Frühjahr 2014 soll es eröffnet werden. Zuvor wird das 1824 gebaute Haus umgebaut und um einen Anbau erweitert. Dort soll als Ergänzung zur ambulanten Hospizarbeit Menschen am Lebensende in acht Gästezimmern ein Sterben in Würde ermöglicht werden.

E. Scharpf, B.Weißenborn, J. Könekamp, S. Bessey (v.l.) – Foto: U. Rapp-Hirrlinger

E. Scharpf, B.Weißenborn, J. Könekamp, S. Bessey (v.l.) – Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Dekan Bernd Weißenborn freut sich, dass das Hospizhaus inzwischen eine breite Basis an Unterstützern hat. Doch neben den Baukosten von rund 2,7 Millionen Euro brauche die Evangelische Gesamt- kirchengemeinde Esslingen weiterhin auch Spenden, um das Defizit aus dem laufenden Betrieb zu tragen, sagte Siegfried Bessey, Vorsitzender des Evangelischen Gesamt- kirchengemeinderats Esslingen. Das ehemalige Oberesslinger Pfarrhaus hat eine lange Geschichte und mit Gotthilf Schenkel einen prominenten früheren Bewohner. Darauf wies Dekan Bernd Weißenborn hin. Schenkel verlor als Theologe der Bekennenden Kirche unter den Nazis sein Pfarramt in Stuttgart.1947 wurde er Pfarrer in Oberesslingen bis er 1951 Kultusminister des Landes Württemberg-Baden und nach der Gründung von  Baden-Württemberg 1952 erster Kultusminister des Landes wurde. Zugleich war er Lehrer für Ethik an der Technischen Hochschule Stuttgart.


Bauarbeiten sind im Plan

 

Nun soll das alte Pfarrhaus modernen Anforderungen angepasst werden. Obwohl der Umbau die Verantwortlichen vor große Herausforderungen stellt, sind die Bauarbeiten gut im Plan. Im Altbau laufen derzeit die Zimmerarbeiten, während der Rohbau des Anbaus fertiggestellt wird, erklärt Architekt Jens Könekamp.


Die Untersuchung, die Eberhard Scharpf im vergangenen Jahr durchführte, hat zwar Schäden durch Hausbock und Holzwurm wie auch Feuchtigkeitsschäden ergeben, „aber letztlich gab es keine bösen Überraschungen“, so der Geschäftsführer der Holzbaufirma Scharpf. Insgesamt sei das Eichenfachwerk in relativ gutem Zustand.


Fund unter alten Bodendielen

 

Als die Mitarbeiter von Eberhard Scharpf zur Beseitigung von Schäden Holzdielen heraushoben, entdeckten sie unter den Fußbodenbrettern einen großen Stapel an alten Zeitungen. Diese entpuppten sich als Ausgaben der „Schwäbischen Rundschau“ aus den Jahren 1893 bis 1900. Die Tageszeitung erschien zwischen 1883 und 1919 und ging später in das „Esslinger Tagblatt“ und nach dem Ersten Weltkrieg in der „Eßlinger Zeitung“ auf. „Wir finden immer wieder überraschende Dinge, wenn wir Häuser sanieren“, sagt Scharpf. So sauber chronologisch geordnete Zeitungen habe man allerdings noch nie entdeckt. Scharpf vermutet, dass sie entweder zur Dämmung oder aber, um ein Loch zu stopfen, verwendet wurden.

 

Aus den alten Zeitungen lässt sich ein Stück Zeitgeschichte herauslesen: Da wird vom Weltgeschehen ebenso berichtet wie von lokalen Ereignissen. Der Leser erfährt von Rennerfolgen der Pferde aus dem königlich-württembergischen Gestüt Weil und dass dieses 1893 bei der Weltausstellung in Chicago vertreten war. Er liest von Unfällen und Vereinsfesten, der Renovierung der Stadtkirche und dass der Kaiser den Esslinger Bahnhof per Sonderzug passierte.

 

Lotterie zu Gunsten der Frauenkirche

 

Dass der Kirchengemeinderat im Januar 1898 beschloss, das Kirchengeläut auf dem Wolfsturm beizubehalten, nahm der Gemeinderat „unter Dankesbezeugung“ zur Kenntnis. „Zu Gunsten der Freilegung der Frauenkirche“ wurde „eine Geldlotterie mit einem Hauptgewinn von 15 000 Mark baar“ ausgeschrieben und der Stadtkirchenbauverein bedankte sich per Annonce für eine Spende des Arbeitervereins in Höhe von 275 Mark 32 Pfennig.

 

Auch über entsprechende Vorkehrungen bei einer erwarteten Maikäferplage wird der Leser informiert. Unbekannte Erben werden gesucht und private Zwistigkeiten per Zeitung ausgetragen. Auch Stellen- oder Vermietungsangebote finden sich dort wieder. Im umfangreichen Anzeigenteil werden Eisenbahnschwellen verkauft und „Stofffarben zum Selberfärben für sparsame Hausfrauen“, „Fußpulver gegen Fußschweiß und Wundlaufen“ oder Konfirmandenhüte. Bügelunterricht für „Fräuleins“ wird ebenso angeboten wie ein „Kurs für Stotterer und Stammler“. Viele der Namen findet man auch heute noch unter den Esslinger Geschäftsleuten.

 

Richtfest am 22. März

 

Am 22. März wird um 14 Uhr das Richtfest für das Esslinger Hospizhaus in Oberesslingen, Keplerstr. 40, stattfinden.