21.12.18

Wenn das Familienmobile in Schieflage gerät

Wenn ein Partner verstirbt, finden sich diejenigen, die zurückbleiben, im Ausnahmezustand wieder. Wie aber geht es Verwitweten, wenn noch Kinder in der Familie leben?

© U. Rapp-Hirrlinger

Helga Eckermann

Sie müssen neben der eigenen Trauer auch die ihrer Kinder meistern und zudem den Alltag bewältigen und befinden sich damit in einer ganz besonderen Situation.

So geht es Giannina Awiszus-Behler, deren Ehemann nach kurzer schwerer Krankheit verstarb, als ihre kleine Tochter gerade einmal zehn Monate alt war. Die 30-Jährige findet Unterstützung in der neuen, offenen Trauergruppe „Verwitwet mit Kindern“ im Hospiz Esslingen. Geleitet wird die Gruppe von Helga Eckermann. Die 62-Jährige ist seit 1999 ehrenamtlich in der Hospizarbeit engagiert und hat mehrmals am eigenen Leib erlebt, wie es ist, um einen geliebten Menschen zu trauern – als ihr kleines Kind bei einem Unfall ums Leben kam und fast 20 Jahre später als ihr Mann und schließlich ihre Mutter starben. Eine Trauergruppe half ihr nach dem Verlust des Ehemannes. Und so reifte der Entschluss, sich selbst in die Hospizarbeit einzubringen. Eckermann ließ sich als Sterbebegleiterin für Erwachsene und Kinder schulen und absolvierte eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Inzwischen ist sie auch im Vorstand des Hospiz- und Palliativverbands Baden-Württemberg engagiert. Im Hospiz Esslingen leitet sie mit einer Kollegin das Trauercafé, hilft Trauernden in Einzelgesprächen und hat die neue Trauergruppe aufgebaut.

„Wenn ein Partner stirbt, ist das für die Familie wie ein Mobile, das nicht mehr ausbalanciert ist. Das Gerüst, das zusammengefallen ist, muss neu aufgebaut werden“, so beschreibt sie die Situation der Menschen, die die Gruppe besuchen. „Verwitwete Eltern haben oft die Sorge, nicht genügend für ihre Kinder da zu sein, ihnen nicht gerecht zu werden, ihnen zu wenig Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken oder ihnen zu wenig Geborgenheit zu geben. Sie befürchten, als Eltern zu versagen, weil sie sich kraftlos und überfordert fühlen und in ihrer eigenen Trauer stecken. Das Gefühl und das Wissen, dass es den anderen verwitweten Eltern ähnlich ergeht, kann sehr hilfreich sein“.

Derzeit treffen sich drei verwitwete Mütter im Alter zwischen 30 und 50 Jahren in der Gruppe. Helga Eckermann wünscht sich noch mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ziel sei, dass sie sich im geschützten Rahmen austauschen können, denn ihre Sorgen und Nöte seien sehr ähnlich. „Man muss Vater und Mutter zugleich sein und fühlt die Verpflichtung gegenüber den Kindern, den Verlust auszugleichen.“ Deshalb rücke die eigene Trauer oft in den Hintergrund, sagt Eckermann. „Man muss seine eigene Trauer verarbeiten und gleichzeitig stark sein für das Kind, es erziehen, mit ihm spielen, mit ihm lachen“, beschreibt es Giannina Awiszus-Behler.

In der Gruppe kann alles auf den Tisch kommen, denn die Gespräche sind vertraulich. Und die Teilnehmerinnen merken rasch, dass alle die gleichen Probleme und herausfordernden Aufgaben haben. Giannina Awiszus-Behler quält nicht nur der Verlust ihrer großen Liebe und das Alleinsein, sondern auch, dass ihre zweijährige Tochter nie eine Erinnerung an ihren Vater haben wird. „Irgendwann muss ich ihr erklären, warum ihr Papa nicht mehr da ist.“ Auch die alleinige Verantwortung für die Kinder drückt die verwitweten Eltern. Entscheidungen müssen gefällt werden, ohne dass man den verstorbenen Partner um Rat fragen kann.

Der Austausch in der Gruppe tut Awiszus-Behler gut. „Man fühlt sich ein Stück weniger allein.“ Sie besuche die Gruppe, um Menschen mit einem ähnlichen Schicksal kennenzulernen. „Ein Schicksal, bei dem man nicht gefragt wurde und das verdammt hart ist.“ Vielleicht, so hofft sie, könne sie in der Gruppe irgendwann auch Freundschaften knüpfen. „Denn nur die können wirklich nachvollziehen, durch welche Hölle man geht.“

Viele Alltagsdinge würden in der Gruppe besprochen, sagt Eckermann. Über die Reaktionen im Umfeld, das vielleicht veränderte Verhalten der Kinder, finanzielle Sorgen aber auch die Isolation, die vor allem dann schnell eintritt, wenn die Kinder noch klein sind. Das spürt auch Awiszus-Behler: „Mit der Gruppe hat man einmal im Monat wieder abends etwas vor. Es reißt einen manchmal aus seinem eigenen Leben und man findet für sich neue Ansatzpunkte.“ Gerade die gegenseitige Unterstützung kann gut tun - und die Erfahrung, dass sie nicht allein sind in der Situation, den Alltag kaum zu bewältigen, sagt Eckermann. „Alle wissen, wovon ich spreche“, sagt Awiszus-Behler.

Helga Eckermann Trauerbegleiterin hofft, dass so allmählich ein Netz entsteht, in dem sich die verwitweten Eltern gegenseitig stützen und auffangen. Sie wünscht sich, dass die Gruppe eine Plattform bietet und sich die Mitglieder auch außerhalb treffen. Denn vor allem an den Wochenenden fühlen sich viele sehr alleine.

•    Die offene Gruppe „Verwitwet mit Kindern“ trifft sich einmal im Monat im Hospiz Esslingen. Die Teilnahme ist kostenlos und jeder kann kommen, so oft er will. Das nächste Treffen findet am 14. Januar 2019 um 18.30 Uhr statt. Alle weiteren Termine unter www.hospiz-esslingen.de. Neue Mitglieder sind willkommen, sollten sich allerdings anmelden. Informationen und Anmeldung: Hospiz Esslingen, 0711-136320-10 oder trauerdontospamme@gowaway.hospiz-esslingen.de