19.11.20

Letzte Hilfe soll Angehörige von Sterbenden stärken

Kurse in „Letzter Hilfe“ sind das neueste Angebot des Hospiz Esslingen. Sie bieten Angehörigen und Nahestehenden Basiswissen und Orientierung im Umsorgen schwerstkranker oder sterbender Menschen.

© U. Rapp-Hirrlinger

Die Kursleiterinnen Katrin Fritz (l.) und Roberta Heinz

Als Trägerin des Hospiz Esslingen sei es der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen wichtig, Sterbenden und ihren Angehörigen zur Seite zu stehen. Dies sei eine Uraufgabe der Kirche, sagte Dekan Bernd Weißenborn bei der Vorstellung des neuen Angebots. „Die Kurse für Letzte Hilfe sind ein weiterer Baustein im Kompetenzzentrum Hospiz Esslingen“, so Weißenborn. Hospizfachkraft Katrin Fritz und die Fachkraft für Palliative Care, Roberta Heinz, die beide im Hospiz arbeiten, haben sich dafür schulen lassen und sind nun zertifizierte Kursleiterinnen.

„Die meisten Menschen wünschen sich, zuhause zu sterben“, weiß Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Hospiz. Doch dies bedeute für die Angehörigen oft eine starke Belastung. Häufig herrsche große Unsicherheit. „Die wenigsten haben Erfahrung im Umgang mit Sterbenden“, erklärt die Hospizleiterin. Ihnen sollen die Kurse Mut machen und die Angst nehmen. Denn anders als Fachpersonal oder ambulante Hospizdienste, die nur punktuell in die Haushalte kommen, sind Angehörige immer gefordert. Die Unterstützung für sie kann dazu beitragen, den Gedanken an einen Suizid oder die Beihilfe dazu zurückzudrängen. „Menschen am Ende des Lebens haben Angst, ihren Familien zur Last zu fallen. Deshalb wollen wir die Angehörigen entlasten“, betont Kränzle. Denn das Hospiz engagiert sich auch gegen Sterbehilfe.

Die vierstündigen Kurse wenden sich direkt an Angehörige, aber auch andere Nahestehende. Neben ganz praktischen Fragen gehe es unter anderem darum, über die eigene Endlichkeit nachzudenken und Sterben als Teil des Lebens zu erkennen, sagt Fritz. Gesprochen wird zudem darüber, wie vorgesorgt werden kann – etwa durch Vollmachten und Patientenverfügungen - und welche Entscheidungen am Ende des Lebens eventuell zu treffen sind.

Vor allem aber steht der Umgang mit Sterbenden im Mittelpunkt. Etwa welche Symptome auftreten können und wie man diese lindern kann oder welche Rolle Essen und Trinken am Lebensende spielt. „Wenn ein Sterbenskranker nicht mehr trinken kann oder möchte, können Eiswürfel in verschiedenen Geschmacksrichtungen ihm guttun“, nennt Roberta Heinz ein Beispiel. Die Teilnehmenden dürfen auch selbst ausprobieren, wie es ist, über längere Zeit mit offenem Mund zu atmen und dann erleben, wie wohltuend eine Befeuchtung der Lippen und des Mundraums ist. Auch versuche man, die Angst vor Morphin abzubauen. Und nicht zuletzt geht es ums Abschiednehmen. Was es im Todesfall zu beachten gilt, wird ebenso thematisiert, wie die persönliche Form des Verabschiedens. „Schauen Sie den Toten noch einmal an und lassen Sie das auch Kinder tun“, rät Heinz. „Man kann nur einmal Abschied nehmen.“

Vermittelt werden soll dies mit Impulsen und im gemeinsamen Austausch. Alle Fragen würden ernst genommen. „Es ist uns wichtig zu erfahren, was die Teilnehmenden bewegt und wovor sie Angst haben“, betont Fritz. „Die größte Angst haben Angehörige vor der Hilflosigkeit. Doch diese existiert eigentlich nicht“, sagt Kränzle. Schon mit kleinen Details könne man die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Und eben diese Mittel wollen die Kurse an die Hand geben. Am Bett zu sitzen, einfach da zu sein, die Schulter zu massieren oder die Hand zu halten, all dies tue dem Sterbenden wohl. Wie man eine Hand so hält, dass sie den Sterbenden nicht belastet, erklärt Fritz: „die eigene Hand unter die des Sterbenden schieben, dann kann er seine Hand leichter wegziehen, wenn es ihm unangenehm ist“.

Bis zu 15 Menschen können an einem Letzte-Hilfe-Kurs teilnehmen. Ab dem kommenden Jahr sollen Kurse im Hospiz Esslingen stattfinden. „Wir kommen aber auch gerne in Vereine, Firmen oder in den Konfirmanden- oder Firmunterricht“, betont Fritz. Die beiden Fachfrauen erhoffen sich, dass auch jüngere Menschen die Kurse besuchen.

Im Hospiz werden Ehrenamtlichen und auch Angehörigen von stationären Hospizgästen schon lange diese Techniken nahegebracht. „Hospizarbeit zeichnet sich dadurch aus, dass alle an unserem Wissen teilhaben können“, betont Kränzle. Ein wichtiges Anliegen sei, „das Sterben zurückzuholen in den Alltag und die Häuser“. Dazu tragen die Kurse bei. Zugleich sind sie ein weiterer Teil des Konzepts „Letzte Fragen“, dem sich das Hospiz seit längerem widmet. Ihm liegt die Idee einer füreinander sorgenden Gesellschaft zugrunde. Deshalb kann sich Susanne Kränzle gut vorstellen, dass auch Menschen aus dem Umfeld sich ans Sterbebett setzen. In einem Letzte-Hilfe-Kurs könnten sie das Rüstzeug dafür bekommen.

Anmeldung im Hospiz Esslingen: Kurs-LH@hospiz-esslingen.de oder 0711 13 63 20 16

Weitere Infos auch unter www.letztehilfe.info