17.04.13

Ums Pfarrhaus ranken sich viele Erinnerungen

Das ehemalige Pfarrhaus gegenüber der evangelischen Martinskirche in Oberesslingen wird derzeit zum ersten stationären Hospiz im Landkreis Esslingen umgebaut. Das schieferverkleidete Haus aus dem Jahr 1824 inmitten eines großen Gartens weckt bei vielen Oberesslingern Erinnerungen. So auch bei Ilse Spatz.

Ilse Spatz - Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Ilse Spatz - Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Die 83-Jährige kann sich noch gut erinnern, wie sie als Kind regelmäßig ins Pfarrhaus kam. Von 1934 bis 1945 wohnte Pfarrer Ernst Lempp mit seiner Familie in dem stattlichen Gebäude in der Keplerstraße, das bis Ende der 1970er Jahre als Pfarrhaus diente. Eine Fotografie vom Ehepaar Lempp und den damals schon erwachsenen Kindern Renate und Uli, das ihr der Pfarrer schenkte, hat Ilse Spatz aufbewahrt. Ihr Fotoalbum enthält auch viele Bilder, die die Umgebung der Martinskirche in den 40er und 50er Jahren zeigen.


„Seit dort das Hospizhaus gebaut wird, sprudeln die Erinnerungen wie eine Quelle“, erzählt die zierliche Frau. Aufgewachsen ist Ilse Spatz in der Schorndorfer Straße. Ihre Familie betrieb das Gasthaus Adler und die benachbarte Bäckerei Horlacher. „Wir lebten dort als richtige Großfamilie.“


Sie erinnert sich: „Wir Kinder brachten samstags die bestellten Backwaren in einem Korb ins Pfarrhaus.“ Pfarrer Lempp sei sehr leutselig und immer mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Seine Frau dagegen erschien dem kleinen Mädchen als „eine standesbewusste, vornehme Dame“. Doch die Kinder gingen selten von ihr weg ohne ein kleines Geschenk – „eine Orange, eine Banane oder manchmal ein kleines Parfümfläschchen“, erzählt Ilse Spatz.

 

Zerbrochene Neujahrsbrezel

 

Als ihr einmal die große Neujahrsbrezel beim Transport zerbrach, stand sie weinend vor der Pfarrfrau. Die tröstete das Mädchen mit den Worten: „Das macht doch nichts, wir essen sie  sowieso.“ Ins Pfarrhaus zu dürfen, war für die Kinder immer etwas Besonderes. Ilse Spatz schwärmt noch heute von dem großen Haus und der wunderschönen Treppe im Innern. Weiter als bis zur Küche wurde sie allerdings nie vorgelassen.


Trauungen als Attraktion

 

Auch die Steintreppe, die damals noch vom Portal der Martinskirche zur Schorndorfer Straße hinunter führte, hatte es den Oberesslinger Kindern angetan. „Bei Hochzeiten saßen wir auf dem Treppengeländer und bestaunten die festlich gekleideten Menschen. Das hat man sich nicht entgehen lassen.“ Von der Tochter des Totengräbers, der gegenüber dem Pfarrhaus lebte, habe sie Stricken gelernt. Bestaunt wurden auch die ersten italienischen „Gastarbeiter“, die in der Ziegelei neben dem Pfarrhaus arbeiteten.


Den Zugang zur Kirche bekam Ilse Spatz durch ihre Großmutter, die ebenfalls im Haus wohnte. Die vielbeschäftigten Eltern hatten für den sonntäglichen Kirchgang keine Zeit. Pfarrer Lempp habe ihre Großmutter oft besucht. „Sie hatte 45 Hühner und gab dem Pfarrer Eier mit. „Vielleicht kam er deshalb so gerne zu ihr“, meint Spatz schmunzelnd.

 

Kinderkirche bei Schwester Emilie

 

Besonders schöne Erinnerungen hat sie an den Kindergottesdienst bei Schwester Emilie, einer quirligen, freundlichen Diakonisse. Den Diakonissen in Oberesslingen brachten die Bäckerskinder an Weihnachten große leere Mehltüten, die mit Backwaren, Gutsle oder selbstgemachten Nudeln gefüllt waren.


Den Konfirmandenunterricht erteilte Pfarrer Lempp im Brastbergerhaus, dem damaligen Gemeindehaus in der Plochinger Straße. Aufregend wurde es bei Ilse Spatz‘ Konfirmation 1945, als Tiefflieger über Oberesslingen einflogen. Nach dem Krieg waren auch im Pfarrhaus Flüchtlinge einquartiert. „Die kamen mit ihren wunderschönen Trachten aus Ostpreußen zum Einkaufen“, erzählt Spatz.


Turmhahn auf der Martinskirche

 

Nicht nur mit dem Pfarrhaus, auch mit der Martinskirche verbindet Ilse Spatz viele Erinnerungen. Sie hat dort geheiratet und alle ihre drei Kinder wurden dort getauft. Ihr Mann, der eine Schlosserei in der Haldenstraße betrieb, vergoldete seinerzeit den Hahn, der noch immer den Turm der Martinskirche krönt.


Seit dem Bau des Ertinger-Hauses wohnen die Pfarrer der Martinskirche nicht mehr im alten Pfarrhaus. Dieses war bis vor wenigen Jahren vermietet. Dass die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen dort nun das Hospizhaus baut, gefällt Ilse Spatz: „Es ist schön, dass etwas Neues entsteht.“