13.11.13

Hospizdienst macht demütiger und gelassener

15 Jahre lang war Erika Dionisius Koordinatorin und Einsatzleiterin der ambulanten Hospizarbeit in Esslingen. Nun geht die 66-Jährige in den Ruhestand. „Es ist viel Wehmut dabei, denn ich fühle mich als Teil der Hospizwelt“, gesteht die gebürtige Hessin, die seit 35 Jahren in Aichwald lebt.

E. Dionisius - Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder engagierte sich viele Jahre im Ehrenamt – beim DRK, in der Nachbarschaftshilfe der Diakonie- und Sozialstation Aichwald und im Besuchsdienst auf der Station MS-Kranker im Plochinger Johanniterstift. Vor allem dort und als Nachbarschaftshelferin sei sie immer wieder mit dem Tod konfrontiert worden, erzählt Dionisius. Deshalb besuchte sie Seminare zu Sterbebegleitung, Tod und Trauer. Den Ausschlag für das Engagement in der Hospizarbeit gab der Tod einer Frau, die sie als Nachbarschaftshelferin betreut hatte. „Das war meine erste Sterbebegleitung“, sagt sie. Zunächst arbeitete Dionisius als ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin. Als eine neue Einsatzleitung gesucht wurde, zögerte die gelernte Bürokauffrau zunächst und sagte dann für eine Übergangszeit von zwei Jahren zu – es wurden 15. „Die Arbeit hat mich einfach gepackt, bewegt und sehr berührt. Ich sah, dass es genau das Richtige für mich ist.“

 

Von ihrem Büro zuhause und später auch im Hospizbüro in der Küferstraße koordinierte sie die Einsätze der inzwischen 60 ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer. Kommt eine Anfrage, macht sie in der Regel zunächst einen Erstbesuch, um die Situation vor Ort einschätzen zu können. Dann sucht sie geeignete Begleiter. Weil es bei Ehrenamtlichen natürlich keinen Dienstplan geben könne, sei die Suche zuweilen nicht einfach. Denn meist laufen bis zu 25 Sterbebegleitungen parallel, im Durchschnitt sind es rund 220 pro Jahr. Manche dauern nur Stunden, andere Monate.

 

Ehrenamtliche haben weniger Zeit

 

Wer hat Zeit, wer kann die jeweilige Situation aushalten, wer passt zum jeweiligen Patienten? Diese und viele andere Fragen muss die Einsatzleiterin beantworten. Die Ehrenamtlichen seien anders als in den Anfangsjahren der Hospizarbeit heute jünger und hätten wegen Beruf und Familie meist weniger Zeit. Zudem organisiert die Einsatzleiterin die Fortbildung der Ehrenamtlichen, vertritt die ambulante Hospizarbeit in vielen Gremien, versucht neue Mitarbeiter zu gewinnen und ist Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen. Die gelte es zuweilen auch vor zu hohen Ansprüchen von Betroffenen zu schützen.

 

Anfangs stand für die Fülle dieser Aufgaben eine 25 Prozent-Stelle zur Verfügung, die nach und nach aufgestockt wurde. Doch auch als Vollzeitkraft komme sie oft auf eine 60-Stunden-Woche, sagt Dionisius. „Man schaut nicht auf die Uhr bei dieser Arbeit.“ Sie weiß, dass das auch die ehrenamtlichen Hospizmitarbeiter so handhaben. „Ich habe große Hochachtung vor denen, die diesen schweren Dienst tun und oft viele hundert Stunden an den Betten von Sterbenden sitzen. Hospizarbeit steht und fällt mit dem Ehrenamt.“

 

Viele schöne Begegnungen

 

Vor allem die vielen schönen Begegnungen mit Menschen haben Erika Dionisius immer wieder motiviert weiterzumachen, auch wenn sie manchmal am Ende ihrer Kraft war. Diese Arbeit könne man nur machen, wenn man mit vollem Herzen dabei sei und wenn Familie und Freude einen unterstützten, erklärt sie.

 

„Hinzuschauen und zu erkennen, was Menschen brauchen, habe ich von meiner Großmutter gelernt. Die hat mir das vorgelebt“, erzählt sie. Dass am Ende ihres Einsatzes fast immer der Tod steht, sei belastend. Erika Dionisius begann als Ausgleich Gitarre zu spielen und zu malen. Leider ließ ihr der Beruf immer weniger Zeit hierfür. Und sie weiß: „Man darf das Sterben der anderen nicht zu seinem eigenen Sterben machen. Wir gehen ein Stück Weges mit, aber dann wieder zurück in unser eigenes Leben.“ Auch die eigene Hilflosigkeit zuzulassen, sei wichtig.

 

Achtung und Respekt

 

„Die schwersten Fälle sind die, wenn Kinder zurückbleiben oder junge Menschen sterben.“ Auch die Angehörigen brauchen meist Beistand. Viele hätten Angst, in ein Sterbezimmer zu gehen oder über Konflikte zu sprechen. „Da können wir ihnen Mut machen.“ Wichtig ist ihr die Achtung und der Respekt den Menschen und dem Tod gegenüber. Dies kennzeichne die Hospizarbeit: „Wir ermöglichen es Menschen, in Würde zu sterben. Im Mittelpunkt steht immer der Sterbende. Wir sind seine Anwälte.“

 

Dass es neben dem ambulanten Hospizdienst bald ein stationäres Hospiz in Esslingen geben wird, wo beide Dienste unter einem Dach gebündelt sind, hält Dionisius für wichtig: „Sie können sich gut ergänzen.“

 

Bereichernde Aufgabe

 

Auch wenn die Aufgabe fordernd und zuweilen belastend war, sagt die scheidende Einsatzleiterin: „Diese Arbeit hat mich sehr bereichert. Sie hat mich zufriedener und demütiger gemacht und mich gelehrt, worauf es ankommt im Leben. Ich bin gelassener geworden.“ Nun sei es Zeit, etwas anderes zu machen: Als freie Rednerin Trauerfeiern zu gestalten oder sich in der Obdachlosenarbeit zu engagieren, schwebt Erika Dionisius vor. Dem Trauercafé wird sie treu bleiben. „Und natürlich freue ich mich darauf, mehr Freizeit zu haben.“

 

Erika Dionisius‘ Aufgaben werden sich künftig zwei Frauen teilen: Neue Leiterin des ambulanten Hospizdienstes ist Juliane Löffler, neue Koordinatorin Angelika Vettermann.