12.05.17

Hartnäckige Pionierinnen investieren viel Herzblut

© U. Rapp-Hirrlinger

25 Jahre Hospizarbeit in Esslingen – das ist eine Geschichte von engagierten und hartnäckigen Pionierinnen, die große Widerstände überwanden, um sie zur Erfolgsgeschichte zu machen. Das zeigte sich eindrucksvoll beim Festakt zum Jubiläum. Rund 150 Frauen und Männer – ehemalige und aktuelle ehrenamtlich und hauptamtlich im Hospizdienst Engagierte, Förderer und Wegbegleiter – hatten sich im Gemeindehaus am Blarerplatz eingefunden. Gemeinsam feierten sie, dass heute die Hospizarbeit in Esslingen einen festen Platz in der Stadt hat. Die Entwicklung der Esslinger Hospizarbeit beschreibt eine Festschrift, die an diesem Abend vorgestellt wurde.

Susanne Kränzle, die Leiterin des Hospiz Esslingen, erinnerte an die „unglaubliche Aufbauarbeit“, die vor allem Frauen in den ersten Jahren geleistet und dabei „Herzblut, Zeit und Hartnäckigkeit“ investiert hätten. Darauf wies auch der evangelische Dekan Bernd Weißenborn hin: „Es waren einzelne Menschen, von denen wichtige Anstöße ausgingen.“ Diese Impulse hätten die Kirchen in Esslingen aufgenommen und in ökumenischem Geist die Hospizarbeit gefördert.

Ambulante Hospizarbeit ist Kernaufgabe

Auch wenn es seit gut drei Jahren ein stationäres Hospiz in Esslingen gebe, bleibe die ambulante Hospizarbeit die Kernaufgabe, sagte Susanne Kränzle. „Das stationäre Hospiz konnte sich nur so rasch etablieren, weil Hospiz in Esslingen schon eine Marke war“, ist sie überzeugt.

Der Esslinger Bürgermeister Markus Raab dankte dafür, dass durch die im Hospiz Engagierten alle Esslinger Bürger Beistand in ihrem letzten Lebensabschnitt erhalten können. „Sie leisten einen Beitrag, den Tod ins Leben hinein zu holen.“

Über die Anfänge der Hospizarbeit in Esslingen, die von Anfang an von evangelischer und katholischer Kirche, aber auch vom Förderverein Hospiz  unterstützt wurde, berichteten Edeltraud Ahlert, die erste Vorsitzende des Fördervereins, Siegfried Bessey, der gewählte Vorsitzende der Evangelischen  Gesamtkirchengemeinde, die Trägerin des Hospiz Esslingen ist, und Stefan Möhler, Leitender Pfarrer der Katholischen Gesamtkirchengemeinde.

Den Umgang mit dem Sterben ändern

Was die Frauen der ersten Stunde motivierte, beschrieben Ursula Roller und Erika Dionisius. „Ich wollte, dass sich im Umgang mit Sterben und Tod etwas ändert“, sagte Roller, die nach Erfahrungen in Stuttgart den Anstoß gab, in Esslingen eine eigenständige Hospizarbeit zu etablieren. Dass es Widerstände gab, erzählte Dionisius, lange Einsatzleiterin in Esslingen. Doch man sei „eine Hospizfamilie“ gewesen. Annette Jetter-Laub, die heute den ambulanten Bereich des Hospiz leitet, berichtete von 56 Frauen und acht Männern, die sich aktuell ehrenamtlich engagierten und jährlich rund 140 Sterbende begleiteten. Sie betonte aber auch: „Die ambulante Arbeit braucht weiterhin viel Unterstützung und entsprechende Strukturen, um Menschen gut ambulant begleiten zu können.“

Beeindruckend war das Bild, als Jetter-Laub und die beiden Koordinatorinnen Gudrun Silberzahn-Jandt und Ulrike Vogelmann nach und nach die Frauen und Männer aus dem Publikum auf die Bühne baten, die sich seit 1992 und zum Teil noch immer ehrenamtlich in der Hospizarbeit einbringen. Der Dank galt rund 60 Menschen.

Trotz Widerständen eine Erfolgsgeschichte

Dass die Hospizbewegung in Deutschland mit allerhand Widerständen zu kämpfen hatte, erklärte auch Andreas Heller, Professor für Palliative Care und Organisationsethik an der Universität Klagenfurt, in seinem Festvortrag „Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland – aus dem Gestern für morgen lernen“. Dennoch sagte er: „Sie sind alle Zeugen einer Erfolgsgeschichte.“ Die Hospizbewegung sei eine soziale Bewegung, die an vielen Orten zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedliche Anfänge genommen habe. Antrieb sei die Empörung darüber gewesen, wie in Deutschland in den 70er Jahren gestorben wurde. „Damals war die Medizin begeistert von sich selbst, Sterben war peinlich und galt als Betriebsunfall“, erinnerte Heller. Damit sei die im Grundgesetzt festgeschriebene unantastbare Menschenwürde im Sterben angetastet worden. Dieser Umgang mit Sterbenden sei von einigen Menschen entschieden in Frage gestellt worden.

Die Sorge umeinander hält die Gesellschaft zusammen

Dass es für ein würdiges Sterben eigene Orte braucht, hat die englische Hospizpionierin Cicely Saunders früh erkannt und in London ein „Hospice“ für Sterbende eröffnet. In Deutschland brauchte es jedoch noch 20 Jahre, bis das erste Hospiz seine Türen öffnete. Für Heller ist die Hospizidee die „moderne Konkretisierung der Nächstenliebe“. Hospizdienste sorgten für die Resozialisierung der Sterbenden in die Gesellschaft. Die Überzeugung der Hospizarbeit sei, dass die Sorge umeinander die Gesellschaft zusammenhält. „Gerade deshalb braucht es das Ehrenamt so dringend.“

Fotografische Eindrücke vom Festakt von Ulrike Rapp-Hirrlinger