10.12.19

Ein letztes Mal Weihnachten feiern

Wie feiert man Weihnachten oder Silvester, wenn man weiß, es ist das letzte Mal? Die Menschen, die im Hospiz Esslingen aufgenommen werden, sind genau in dieser Situation – eine Herausforderung für Betroffene und Mitarbeitende.

© U. Rapp-Hirrlinger

Martina Fricker, Claudia Dippon und Susanne Kränzle am Esstisch

© U. Rapp-Hirrlinger

Adventskalender

© U. Rapp-Hirrlinger

S. Kränzle, M. Fricker und C. Dippon schmücken das Hospiz

Schon Wochen vor Weihnachten rüstet man sich im Hospiz für die Advents- und Weihnachtszeit. Mitarbeiterinnen gestalten einen Adventskalender aus Tütchen mit Kleinigkeiten und kurzen Texten, die die Hospizgäste öffnen dürfen. Tannenzweige, Misteln und Lichter, eine Krippe und zum Fest natürlich auch Christbäume schaffen eine weihnachtliche Stimmung im Haus. „Wir möchten für unsere Gäste alles schön dekorieren“, sagt Claudia Dippon, die Leiterin des stationären Bereichs. Eine stimmungsvolle Atmosphäre soll entstehen. Auch die Zimmertüren werden mit weihnachtlichen Zweigen bestückt.

Individuell geht es hinter den Zimmertüren zu. Wer will, darf den Raum nach seinem Geschmack schmücken. Dabei spielen auch eigene Traditionen eine große Rolle. Ein alter Herr ließ sich von seiner Tochter die Weihnachtskrippe bringen, die er einst selbst geschnitzt hatte. Andere wünschen sich den vertrauten Adventsschmuck. Wer möchte und kann, darf beim Plätzchenbacken oder dem Schmücken der Christbäume helfen. Dabei kommt man ins Gespräch: Welche Traditionen gab es in den Familien, wie wurde der Baum geschmückt, welche Lieder gesungen und wie das Fest gefeiert. Kindheitserinnerungen kommen hoch.

„Es ist uns wichtig, die Advents- und Weihnachtszeit besonders zu gestalten“, sagt Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Hospiz. Die Gäste schätzten die heimelige Atmosphäre und das Zusammensitzen am schön gedeckten und geschmückten Tisch. Auch individuelle Traditionen würden eingebaut. Schon am Frühstückstisch brennen im Advent die Kerzen. Immer wieder gibt es etwas Zeit für Texte und Musik bei Gutsle und Punsch. Wer kann, versammelt sich um den runden Esstisch, auf dem ein Adventskranz mit einer großen roten Kerze steht. Wer nicht mehr aufstehen kann, dessen Zimmertür wird geöffnet, wenn er das möchte.

Jeder soll zu seinem Recht kommen. Deshalb versuche man, möglichst vielen Wünschen zu entsprechen, sagt Dippon. Das gelte auch für diejenigen, die mit Weihnachten nichts am Hut haben. „Sie haben alle Freiheit, an den bei uns gepflegten Ritualen nicht teilzunehmen“, betont Kränzle.

Der Spitzenkoch Jörg Ilzhöfer, der regelmäßig im Hospiz letzte kulinarische Wünsche erfüllt, kocht im Advent mindestens einmal ein besonderes Essen für Gäste und Mitarbeitende. An Heiligabend dagegen gibt es die im Schwäbischen traditionellen Saitenwürstchen mit Kartoffelsalat.

An den Weihnachtstagen kommen häufig Angehörige zu Besuch. „Manche Gäste sparen sich ihre ganze Kraft für diese Besuche auf“, sagt Dippon. Ist die Familie wieder gegangen, ziehen sich viele erschöpft in ihre Zimmer zurück. Deshalb wird abends nicht groß gefeiert. Nur ganz selten kann jemand an den Feiertagen für ein paar Stunden nach Hause geholt werden.

Die beiden Frauen spüren, „dass bei aller Weihnachtsfreude über allem eine große Traurigkeit liegt.“ Das berühre auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erklärt Kränzle. „Die Gäste und auch wir wissen, dass es ihr letztes Weihnachten ist. Man kann sich nicht vorstellen, wie schmerzlich das sein kann.“ Manche schafften es jedoch, „ganz im Hier und Jetzt zu sein.“ Und andere behelfen sich mit Galgenhumor, um den Schmerz zu übertünchen.

Viel könnten die Mitarbeitenden gegen die Traurigkeit nicht tun: „Wir können die Tatsachen nicht ändern, aber wir können die Situation mit den Sterbenden aushalten“, erklärt Kränzle. Tröstende Worte gibt es in dieser Situation nicht. Wichtig sei aber, sorgsam mit der Sprache umzugehen. Floskeln sind tabu. Wenn Weihnachten nicht mehr wirklich froh ist, wünscht man besser ‚gute Weihnachtstage‘ und an Silvester ist ‚ein gutes neues Jahr‘ für Sterbende eher unangebracht. „Ich sage dann gerne, ‚ich wünsche einen guten Beginn des Jahres‘“, erzählt Kränzle.

„Wir benennen auch den Zweispalt, dass die Weihnachtszeit einerseits schön und andererseits sehr schwer ist.“ Wichtig sei, eine eigene Haltung zum Weihnachtsfest zu haben und dann zu sehen, was dem einzelnen Gast gut tue.

Weihnachten und Silvester sind auch für die Hospizgäste Anlass für den Rückblick. Und die Frage, wie viel Zeit ihnen im neuen Jahr bleibt, bewegt die Gäste. „Da sitzt manchmal jemand auch weinend am Fenster und betrachtet das Feuerwerk“, erzählt Dippon. Ein anderer hat gemeinsam mit einem Hospizmitarbeiter noch eine letzte Silvesterrakete vor dem Haus steigen lassen – wenige Tage vor seinem Tod. Sie hoffe jedes Jahr, dass niemand an den drei Weihnachtstagen versterbe, sagt Kränzle. „Denn diese Erinnerung  bleibt den Familien für immer.“

An Weihnachten oder Silvester Dienst zu tun, sei für die Mitarbeitenden etwas Besonderes. In der  Silvesternacht wird mit denjenigen mit einem Glas Sekt  aufs neue Jahr angestoßen, die sich das wünschen – wie lange das Jahr auch für die Einzelnen dauern wird.