10.01.17

„Leitung gelingt nur mit einem guten Team“

© U. Rapp-Hirrlinger

Claudia Dippon in ihrem Büro im Hospiz

Sie kommt jeden Tag gerne an ihren Arbeitsplatz im Hospiz Esslingen. Claudia Dippon leitet seit September 2016 den stationären Bereich des Hospizes und schätzt nicht nur die gute Atmosphäre im Haus, sondern auch das harmonische Team von Haupt- und Ehrenamtlichen. Die 50-Jährige Mutter von drei erwachsenen Kindern ist ausgebildete Krankenschwester und seit 2004 in der Hospizarbeit tätig. Ihre Ausbildung absolvierte sie bei der Diakonieschwesternschaft im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Später arbeitete sie für die Diakoniestation in ihrer Heimstadt Weinstadt.

Ich musste Menschen oft allein lassen, weil meine Tour einfach weitergehen musste. Das fiel mir sehr schwer“, erklärt sie, warum sie sich für eine Arbeit im Hospizdienst entschied. Dort bleibe mehr Zeit für Zuwendung und Gespräche mit den Sterbenden und ihren Angehörigen. Eine Ausbildung in Palliativversorgung und verschiedene Fortbildungen zu hospizlichen Themen qualifizieren sie für die Hospizarbeit. Derzeit absolviert Claudia Dipppon zudem eine Weiterbildung zum Fachwirt im Gesundheit- und Sozialwesen.

2004 wechselte Claudia Dippon ans Hospiz in Backnang und erlebte dort dessen Aufbau mit. Im ambulanten Bereich des Stuttgarter Hospizes bekam sie später Einblick in die Ehrenamtsarbeit. Seit 2014 und damit von Anfang an ist sie im Hospiz Esslingen tätig – zunächst als stellvertretende Leiterin des stationären Bereichs.

"Alle, die anrufen, sind in Not"

Als dessen Leiterin hat sie nun viele organisatorische Aufgaben. Sie ist zuständig für 18 Pflegemitarbeiterinnen und –mitarbeiter, zwei Hauswirtschaftskräfte sowie zwei junge Frauen, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Hospiz absolvieren. Sie erstellt Dienstpläne, koordiniert die hausinternen Abläufe und die Belegung. Claudia Dippon erreichen viele Anfragen. Entscheidend für die Aufnahme in eines der acht Gästezimmer im Hospiz sei keine Warteliste, sondern allein die Dringlichkeit, betont Dippon. Etwa, wenn für sterbenskranke Patienten keine andere Versorgungsmöglichkeit besteht oder die Angehörigen überlastet sind. Dippon klärt dies mit den Angehörigen und den behandelnden Ärzten. Sie kümmert sich um die nötigen Papiere und Medikamente und stellt die Anträge an die Krankenkasse, die einen Teil der Kosten für den Hospizaufenthalt übernimmt. Auch mit den Palliativstationen der Kliniken hält sie engen Kontakt. Schwer sei, wenn sie jemandem keinen Platz anbieten könne. „Denn alle, die anrufen, sind in Not“, weiß  Dippon. Dann versucht sie andere Unterstützungsangebote wie den ambulanten Hospizdienst und die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV) zu organisieren.

Claudia  Dippon will trotz aller Verwaltungspflichten Kontakt zu den Gästen im Hospiz haben. Immer wieder arbeitet sie deshalb auch in der Pflege mit. „Leider ist das die Ausnahme. Aber ich bemühe mich, jeden Tag in jedes Zimmer wenigstens kurz hineinzuschauen.“

Achtsam mit der verbleibenden Zeit umgehen

Im Hospiz schätzt sie die besondere Atmosphäre: „Hier herrscht eine sehr wertschätzende Kultur. Wir haben Zeit für Gespräche und es ist möglich Beziehungen zu leben. Es ist eine sinnstiftende Arbeit, bei der man viel zurückbekommt.“ Ihr ist bewusst, dass die Menschen im Hospiz nur noch eine begrenzte Zeit zu leben haben. „Deshalb gehen wir achtsamer mit der Zeit um, die wir mit diesen Menschen noch haben.“

Vielfalt von Begabungen im Team

Zur guten Atmosphäre trage auch das harmonische Team bei, das viel Idealismus in seine Arbeit stecke. „Es vereint sehr viele unterschiedliche Stärken und eine große Vielfalt von Begabungen.“ Auch mit Susanne Kränzle, die die Gesamtleitung des Hospiz innehat, den Mitarbeiterinnen im ambulanten Bereich und ihrer Stellvertreterin Magdalene Friedmann gebe es eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. „Leitung gelingt nur mit einem guten Team“, ist sie überzeugt. „Außerdem lässt uns der Träger des Hospiz, die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen, viel Freiheit und Gestaltungsspielraum. Das ist nicht selbstverständlich“, weiß Dippon.

Rituale helfen das Schwere zu bewältigen

Trotz der schönen Arbeitsatmosphäre erleben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder auch schwere Momente. „Wenn Gäste einem näherkommen oder wenn ihre Situation der eigenen ähnlich ist, etwa wenn junge Menschen sterben oder Familien mit jungen Kindern betroffen sind, wird es besonders schwer“, sagt Dippon. Dann helfen Rituale: Auf der Fahrt nach Hause versucht sie bewusst, Belastendes abzulegen. Beim Laufen mit ihrem Hund in der Natur, aber auch in Gesprächen mit ihrem Mann kann sie vieles verarbeiten. Claudia Dippon ist zudem eine Frau des Ehrenamtes: In ihrer evangelischen Kirchengemeinde in Weinstadt hat sie sich im Jugendkreis, der Mutter-Kind-Arbeit und im Frauenkreis engagiert. Zudem war sie Stadträtin in der bürgerlichen Gemeinde.