08.07.19

Im Hospiz ist Zeit für Zuwendung und Fragen

Seit dem Tod seiner Frau fühlt sich Wolfgang Hausmann dem Hospiz eng verbunden.

© U. Rapp-Hirrlinger

Wolfgang Hausmann im Hospiz

„Ich hatte keine Vorstellung von einem Hospiz. Das Thema war für mich eher problembehaftet“, gesteht Wolfgang Hausmann. Das änderte sich schlagartig, als seine Frau im Hospiz Esslingen die letzten Wochen ihres Lebens verbrachte. Seither fühle er sich dem Hospiz zu großem Dank verpflichtet. Nicht zuletzt, weil seine Frau dort so gut umsorgt sterben durfte, gibt der heute 67-Jährige Kantor der Katholischen Kirchengemeinde St. Albertus Magnus immer wieder Konzerte zu Gunsten des Hospiz Esslingen.

Viele Jahre hatte die Lehrerin und spätere Schulleiterin der Esslinger Waisenhofschule, Johanna Baur-Hausmann, an einem Hirntumor gelitten. Nach einer großen Operation schien alles gut zu sein, erzählt der Ehemann. Doch ganz plötzlich verschlechterte sich 2015 ihr Gesundheitszustand rapide. Die Untersuchungen im Krankenhaus ergaben, dass die Ärzte nur noch wenig für Johanna Baur-Hausmann tun konnten. Oft saß sie eine gewisse Zeit da und konnte sich nicht bewegen, was ihr gar nicht bewusst war. Es gelang ihr immer wieder, den Pflegekräften den Eindruck zu vermitteln, nach den Behandlungen wieder selbst auf ihr Zimmer gehen zu können. Häufig habe er in der Klinik seine Frau suchen müssen und orientierungslos irgendwo gefunden. In der Klinik könne sie nicht länger bleiben, sagte man ihm schließlich.

„Ich wollte sie eigentlich heimholen und selbst pflegen“, erzählt Hausmann. Doch rasch musste er sich eingestehen, „dass dies niemals möglich gewesen wäre, denn ich hätte sie nicht alleine lassen können“. Einige Wochen verbrachte Johanna Baur-Hausmann in einem Pflegeheim. „Doch das Personal war völlig überlastet.“ Wolfgang Hausmann verbrachte so viel Zeit wie nur möglich bei seiner Frau – auch, weil er ihre große Angst spürte. Schließlich war er selbst am Ende seiner Kraft.

Von einer Stuttgarter Klinikseelsorgerin bekam er den Tipp, dass es in Esslingen ein Hospiz gebe. „Ist es schon so weit?“, so sein banger Gedanke. „Es war mir klar, dass dies ihre letzte Station ist.“ Mit seiner Frau konnte er damals längst nicht mehr über ihre Wünsche sprechen. „Sie hatte während der ganzen Zeit ihrer Krankheit die Frage, was geschehen soll, wenn es dem Ende zugeht, abgeblockt.“

Ein Gespräch mit Mitarbeiterinnen im Hospiz nahm ihm seine Befürchtungen und Vorbehalte: „Danach ging es mir viel besser, denn ich wusste, sie ist hier gut versorgt.“ Und so zog Johanna Baur-Hausmann im Dezember 2015 ins Hospiz. „Innerhalb von Stunden hat sie sich dort eingelebt. Ich merkte, sie fühlt sich hier wohl, es ging ihr viel besser“, sagt Hausmann. „Das erste Mal seit Monaten machte sie einen entspannten Eindruck.“ Für ihn war endlich das Gefühl weg, nicht genug zu tun. „Vorher verließ ich sie immer mit einem schlechten Gewissen, selbst wenn ich viele Stunden bei ihr war. Hier ging ich beruhigt nach Hause und konnte das erste Mal nach Monaten wieder richtig schlafen.“ Er wusste, seine Frau wird hier wahrgenommen, so wie sie ist, und es ist immer jemand für sie da, denn die Pflegekräfte haben Zeit. „Man konnte sich mit meiner Frau noch durch Gestik und Mimik verständigen, aber dafür braucht es eben Zeit.“ Zeit, die es im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht gibt. „Die Atmosphäre im Hospiz tut auch den Angehörigen gut“, sagt Hausmann. Im Hospiz sei auch wieder eine Art Kommunikation mit seiner Frau möglich gewesen, die wegen der extremen Anspannung im Krankenhaus fast unmöglich war.

Und er bekam zum ersten Mal befriedigende Antworten auf seine vielen Fragen - etwa die, was passiert, wenn jemand nicht mehr essen oder trinken kann. „Von den Medizinern wurde mir eher wenig erklärt, hier war das ganz anders. Ich fühlte mich zum ersten Mal als Angehöriger angenommen.“

Mit 57 Jahren ist Johanna Baur-Hausmann Anfang 2016 im Hospiz verstorben. Wolfgang Hausmann, seiner Tochter Clara, Familie und Freunden wurde viel Zeit zum Abschiednehmen gelassen – am Todestag, aber auch am Tag danach konnten sie bei ihr sein. Und wenn er ihr Grab auf dem Friedhof Oberesslingen besucht, sieht er immer auch das Hospiz, das an den Friedhof angrenzt.

„Das Hospiz hat mir unendlich viel geholfen. Dass meine Frau dort sterben konnte, war unter den Umständen das Beste, was passieren konnte“, sagt Wolfgang Hausmann im Rückblick. Deshalb war es dem Kirchenmusiker ein Anliegen, nicht nur die Kollekte des Requiems für seine Frau, sondern auch den Erlös aus weiteren Benefizkonzerten dem Hospiz zu spenden. Das nächste Konzert findet am 8. Dezember statt.