04.08.16

500 Jahre Reformation: Luthers Botschaft wirkt bis heute

© Ulrike Rapp-Hirrlinger

Dekan Weißenborn vor den Resten des Augustinerklosters mit der Tafel für Michael Stifel

2017 jährt sich das Reformationsjubiläum zum 500. Mal. Auch in Esslingen hat Luthers Erneuerungsbewegung zu großem Umwälzungen geführt, deren Spuren teilweise heute noch sichtbar sind. Zum Jubiläum haben die Kirchengemeinden im Kirchenbezirk Esslingen zahlreiche hochkarätige Veranstaltungen auf den Weg gebracht. Dekan Bernd Weißenborn hat das Programm jetzt vorgestellt.

Vielfältiges Programm zum Reformationsjubiläum

© Ulrike Rapp-Hirrlinger

Weißenborn am Epitaph von Matthis Herwart in der Sachsenkapelle der Stadtkirche

In Esslingen wurde der evangelische Glaube 1531 eingeführt. Dazu beigetragen haben die mitreißenden Predigten des Reformators Ambrosius Blarer. „Die Stadt erlebte große Umbrüche. So wurde die Messe abgeschafft, Klöster geschlossen und die Armenfürsorge neu geregelt“, erklärt Weißenborn. Auf Blarer verweisen der gleichnamige Platz und das evangelische Gemeindehaus, das dem Chor der Franziskanerkirche vorgebaut ist. Schon zuvor hatte sich der Augustinermönch und Mathematiker Michael Stifel in den 1520er Jahren zu Luther bekannt und erste reformatorische Predigten gehalten. An ihn erinnert eine Tafel an den Resten einer Fensterzeile des ehemaligen Augustinerklosters am Burgberg. Ein frühes Zeichen der Reformation ist auch der Grabstein von Matthis Herwart aus dem Jahr 1538 in der Sachsenkappelle der Stadtkirche: Die beiden Bibelzitate in Deutsch sind Ausdruck protestantischen Geistes.


Für Weißenborn ist die Reformation auch heute noch aktuell. Luthers Erkenntnis, dass der Mensch sich nicht sein Heil durch Leistung verdienen muss, sondern Gottes Gerechtigkeit durch den Glauben als Geschenk annehmen kann, ist für ihn zentrale Botschaft der Freiheit. „Luther entdeckte zunächst für sich den barmherzigen Gott. Das gab ihm den Mut, sich gegen die Autoritäten des Mittelalters aufzulehnen und einen Glauben zu propagieren, der nicht von der Angst vor dem großen Richtergott bestimmt ist. Welch eine Befreiung muss dies für die Menschen damals gewesen sein!“ Diese geschenkte Liebe Gottes müsse aber im Alltag der Welt gelebt werden, so forderte Luther. Ein Ausdruck des Einsatzes für Menschenliebe und Gerechtigkeit sei die Diakonie, erklärt Weißenborn.


Auch heute werde der Wert von Menschen oft nach Leistung, Besitz oder anderen Äußerlichkeiten bemessen. „Was aber ist, wenn ich scheitere?“, fragt der Dekan. Wie tröstlich sei da die Botschaft, dass man seinen Selbstwert nicht verdienen muss und das Heil außerhalb vom Menschen selbst liege. Man wolle das Jubiläum in einer für die Kirche nicht immer einfachen Zeit mit großen Herausforderungen nicht als „Jubelfest“ gestalten, sondern es zum Anlass nehmen, sich zu besinnen und selbstkritisch zu betrachten. „Wir müssen uns neu auf das Wesentliche konzentrieren“, fordert Weißenborn.


Gefeiert wird das Reformationsjubiläum auch im ökumenischen Geist: Ein ökumenischer Neujahrsempfang mit dem katholischen Bischof Dr. Gebhard Fürst und ein ökumenischer Pfingst- sowie ein Bußgottesdienstgottesdienst in Esslingen, eine Fastenpredigt-Reihe der katholischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen unter anderem mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann und ein Vortrag von Anselm Grün gehören dazu. Außerdem gibt es Stadtführungen zu Orten der Reformation in Esslingen, eine Freilichtaufführung des Stücks „Ich kann nicht anders – Der Anschlag von 1517“ der Württembergischen Landesbühne Esslingen, „Play Luther“, ein musikalisches Theaterstück über Leben und Werk des Reformators in Altbach, ein ökumenischer Festabend zum Thema Freiheit in Esslingen-Berkheim, eine Seminarreihe „Was geht mich Luther an“ in Denkendorf, eine literarisch-musikalische Humorreise „Hier stehe ich, es war ganz anders“ in Hochdorf und eine Predigtreihe „Was bedeutet für mich die Reformation“ in Plochingen sind nur einige der vielen Veranstaltungen im Kirchenbezirk Esslingen. Offiziell eröffnet und beschlossen wird das Jubiläumsjahr mit Festgottesdiensten in der Esslinger Stadtkirche am 31. Oktober 2016 und am 31. Oktober 2017. „Ich wünsche mir, dass wir aus dem Reformationsjubiläum ein Christusfest machen. Das wäre ganz im Sinne Luthers“, sagt Weißenborn.

Text: Ulrike Rapp-Hirrlinger