03.04.19

Männer trauern anders - Frauen auch

Männer trauern anders als Frauen. Und es fällt ihnen schwerer, sich Trauergruppen anzuschließen. Dort finden sich überwiegend Frauen – sowohl als Teilnehmerinnen als auch in der Begleitung. Sie aber haben eine andere Art, mit Trauer umzugehen. Andere Fragen treiben sie um.

© U. Rapp-Hirrlinger

Andreas Hutter vor dem Hospiz Esslingen

Deshalb nehmen nur wenige Männer die Trauerangebote des Hospiz Esslingen in Anspruch. Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Hospiz, und Trauerbegleiterin Claudia Landenberger können sich deshalb vorstellen, eine spezielle Trauergruppe für Männer anzubieten, in denen sich diese über die sie bewegenden Themen austauschen können.

Andreas Hutter ist der einzige Mann im Kreis der Trauerbegleiterinnen. Seit letztem Sommer ist der 74-Jährige, der früher politischer Referent beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands war, ehrenamtlich im Hospiz tätig und begleitet trauernde Männer individuell.

„Ich hatte ein gutes Leben und denke, ich kann trauernde Menschen in der Lebensphase, in der sie stehen, unterstützen“, sagt der verheiratete Vater von vier erwachsenen Kindern. Zur Hospizarbeit kam er, weil er sich, wie er selbst sagt, beim Tod der Eltern mangelhaft vorbreitet fühlte. „Ich wusste nicht, wie ich mit mir umgehen sollte.“ Das Rüstzeug für sein Engagement bekam er in Vorbereitungskursen für die Begleitung von sterbenden Erwachsenen und Kindern, aber auch deren Angehörigen. In vielen Begleitungen merkte er: „Das umfassendere Thema ist die Trauer. Schon wenn jemand im Sterben liegt, trauern die Angehörigen über den nahenden Verlust.“ Oft werden sie das erste Mal mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Ein Jahr lang ließ sich Andreas Hutter zum Trauerbegleiter ausbilden – inklusive einer Abschlussarbeit, in der er sich speziell mit der Trauer von Männern befasste.

„Männer gehen anders mit Trauer um als Frauen. Sie reagieren häufiger mit Rückzug und können sich deshalb oft schwer vorstellen, sich einer Gruppe mit überwiegend trauernden Frauen anzuschließen“, sagt Hutter. Schuld daran seien unter anderem Erziehung und Sozialisation, zu denen Sätze wie „Männer weinen nicht“ oder „ein Indianer kennt keinen Schmerz“ gehörten. An Männer würden ganz andere Erwartungen herangetragen: „Wer im Beruf steht, erfährt oft die Haltung, nach drei Wochen müsse nun aber Schluss mit der Trauer sein.“ Dabei sei Trauer ein Prozess der Heilung, der unterschiedlich lange dauere.

Vom vermeintlich „starken Geschlecht“ wird erwartet, die Trauer ohne Hilfe von außen zu meistern. Männer sollen rational handeln und „funktionieren. „Dabei fühlen sich Männer genauso verwundet, hilflos und ausgeliefert in einer Weise, die sie bisher noch nicht erfahren haben“, sagt Hutter. Auch deshalb zeigten Männer ihre Trauer seltener, zögen sich zurück. „Es fällt ihnen schwer auszudrücken, wie sie sich fühlen“, hat Hutter erfahren. Oft begännen Gespräche in ganz geschäftsmäßigem Ton. In der Einzelbegleitung sei es leichter, davon abzukommen und durchzudringen zu den Fragen und Gefühlen, die die trauernden Männer wirklich beschäftigen. Dabei ist Hutter eher der Zuhörer: „Ich ermutige die Männer, über ihre Gefühle zu sprechen. Dazu haben sie sonst oft wenig Gelegenheit.“ In den Gesprächen betont er, dass sie sich ihrer Trauer nicht schämen müssten: „Gefühle sind ganz normal und nie schlecht“, sagt er ihnen dann.

„Männer sind in ihrer Trauer wütender und aggressiver, obwohl sie sich entsetzlich schwach fühlen“, weiß der Trauerbegleiter. „Sie möchten eher etwas tun, um die Trauer zu überwinden, etwa ein Blockhaus bauen“, erklärt Hutter, dass dies auch Mechanismen sind, die von der Trauer ablenken sollen. „Männer brauchen eher Lösungen, können nicht immer damit umgehen, dass sie Geduld haben müssen“, sagt Claudia Landenberger.

In einer Trauergruppe für Männer müssten solche Aktivitäten eingebunden werden: Natürlich werde es nicht der Bau eines Blockhauses sein, aber mit den Händen etwas zu schaffen, könne heilsam wirken. Oder gemeinsam zu wandern. Auch andere Themen würde er anstoßen: Wie gehe ich mit der Einsamkeit um, wie organisiere ich den Alltag oder wie gehe ich mit Gefühle der Schuld und Aggression
um? Eine solche Gruppe zu leiten, würde ihn reizen: „Männer öffnen sich leichter einem Mann“, ist er überzeugt.

Die Trauer anderer könne er gut aushalten, sagt Andreas Hutter. „Ich weiß, ich kann es nicht ändern und jeder muss durch diese Phase selbst durch, aber jeder schafft das“, ist er sicher.
„Wenn sich Männer melden, die Interesse an einer Trauergruppe für Männer haben, so sind sie bei Andreas Hutter sehr gut aufgehoben – daher würde ich mich freuen, wenn eine solche Gruppe zustande käme“, sagt Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Hospiz Esslingen.