08.11.18

Die Hospizarbeit gehört in die Gesellschaft

Das Projekt „Letzte Fragen – Esslingen im Dialog“ soll auch nach seinem vorläufigen Abschluss weitergetragen werden.

© U. Rapp-Hirrlinger

Dekan Bernd Weißenborn

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Susanne Kränzle

Ein Jahr lang haben sich Menschen in Esslingen mit „Letzten Fragen“ beschäftigt und sich auf den Weg gemacht hin zu einer füreinander sorgenden Gemeinschaft. Das Pilotprojekt „Letzte Fragen - Esslingen im Dialog“ des Hospiz Esslingen, das die Entwicklung einer kommunalen Sorgekultur (Caring Community) zum Ziel hat, konnte viele Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen einbinden, denen eine Sorgekultur in der Stadt am Herzen liegt. In Workshops wurden sie vorbereitet, so dass sie dieses Anliegen nun in ihrem persönlichen oder beruflichen Umfeld weitertragen können. Die vorläufigen Ergebnisse des Projektes sind in einer Broschüre zusammengefasst, die jetzt vorgestellt wurde. Sie enthält zudem Fragestellungen, die eine Basis für weitere Sorgegespräche sein können.

„Als Hospiz wollen wir uns über die ganz direkte Begleitung von Menschen am Lebensende auch ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen stellen“, sagte Dekan Bernd Weißenborn. Die evangelische Kirche als Trägerin des Hospiz könne sich da gut und kompetent einbringen.

Dies sagt auch Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Hospiz. „Die Hospizarbeit gehört in die Gesellschaft“, so ihre tiefe Überzeugung. „Das Lebensende und das Sterben sind Themen, für die alle Menschen in einer Gemeinschaft verantwortlich sind. Irgendwann sind wir alle auf die Fürsorge anderer angewiesen.“ Deshalb hat sie das Projekt initiiert und sich mit Professor Dr. Andreas Heller und Dr. Patrick Schuchter von der Universität Graz kompetente Partner für die wissenschaftliche Begleitung an die Seite geholt.

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Andreas Heller (l.) und Patrick Schuchter präsentieren Ergebnisse

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Zu Beginn habe man sich zunächst gefragt, welche Formen informeller Sorge füreinander es in Esslingen schon gibt und wie diese sinnvoll vernetzt werden können. Insgesamt rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – überwiegend Frauen – aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten, ließen sich für das Projekt gewinnen. In drei Moderationswerkstätten wurden diese darauf vorbereitet, in ihrem persönlichen oder beruflichen Umfeld sogenannte Sorgegespräche zu führen, in denen es laut Kränzle um „tiefe letzte Fragen“ ging. Diese wurden dokumentiert und von den Wissenschaftlern ausgewertet. Gut 160 „Erzählungen“, wie Schuchter sie nennt, kamen so zusammen. Ihm war wichtig, „dass so Lebenserfahrungen und das Alltagswissen von Menschen, die keine Profis sind, zusammengetragen wurde. Denn ethische Fragen im Gesundheitswesen werden sonst primär von den Profis dargestellt.“

Schuchter hat die Teilnehmenden als sehr engagiert und geradezu beseelt erlebt. Oft sei es für sie schwierig gewesen, Gespräche zu initiieren und dennoch kamen erfreulich viele Gespräche zustande. „Sterben ist ein schweres Thema, aber oft wurde mit spielerischer Leichtigkeit diskutiert.“ Zumal es nicht darum ging, Lösungen zu finden, sondern andere tiefer zu verstehen. Annemarie Grammenos, die stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Hospiz Esslingen, hat selbst am Projekt teilgenommen. Es sei eine Herausforderung aber zugleich auch eine Bereicherung gewesen, Gespräche so zu führen, dass sie nicht an der Oberfläche blieben. „Ich habe gelernt, genau zuzuhören. Das Projekt war für mich persönlich ein großer Gewinn.“ Sie wünscht sich, dass die Idee weitergetragen wird, „wie ein Schnellballsystem“.

Das ist auch Susanne Kränzles Wunsch. Einiges hat sie schon erfahren: So sollen in einem der Esslinger Wohncafés weitere Gesprächsrunden stattfinden. Eventuell könne man auch im Hospiz Raum für solche Treffen bieten. Die Hospizleiterin will zudem stärker mit den Profis im Gesundheitswesen ins Gespräch kommen. „Sie sind daran interessiert, die Sicht der Betroffenen zu hören“, weiß sie. Und nicht zuletzt müsse die Idee einer Caring Community auch in die Stadtpolitik aufgenommen werden.

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Aufmerksame Zuhörer

P. Schuchter, A. Heller, S. Kränzle J. Zieger, B. Weißenborn (v.l.)

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P. Schuchter, A. Heller, S. Kränzle J. Zieger, B. Weißenborn (v.l.)

Die Menschen seien durch das Projekt wachsamer geworden, hat Grammenos beobachtet. Auch Schuchter ist überzeugt, dass es die vielen kleinen Gesten sind, die eine füreinander sorgende Gemeinschaft ausmachen. Nachschauen, ob bei der betagten Nachbarin morgens die Rollläden hochgezogen werden, Einkäufe mit zu erledigen oder einfach mal auf ein Gespräch vorbeischauen. Wenn aus dem Wunsch einer blinden Frau, dass ihr jemand vorlesen möge, sich ein Vorlesekreis entwickelt – das seien die besonderen Erfolge des Projektes.

Gerade diese Sorgekultur im nachbarschaftlichen Bereich ist auch Weißenborn wichtig: „Was passiert, wenn das wegbricht“, fragt er und sagt: „Dem wollen wir unter anderem mit diesem Projekt entgegenwirken.“

Der Förderverein Hospiz Esslingen und die Lechler Stiftung haben das Projekt, das mit dem diesjährigen Paul-Lechler-Preis ausgezeichnet wurde, finanziell gefördert. „Der Förderverein will nicht nur die tägliche Arbeit im ambulanten und stationären Bereich des Hospizes unterstützen, sondern auch für den Hospizgedanken werben“, begründet Grammenos, warum der Verein das Projekt gerne und großzügig gefördert hat.

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OB Jürgen Zieger


Mit einem gemeinsamen Abend, für den der Esslinger Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger die Schirmherrschaft übernommen hatte, wurde der vorläufige Abschluss des Projekts gefeiert. Susanne Kränzle, Andreas Heller und Patrick Schuchter boten Rückblicke, Erkenntnisse und Ausblicke. Der in Wien geborene Schauspieler und Kabarettist Ernst Konarek gab Einblicke in den tiefschwarzen Humor seiner Landsleute, wenn es um den Umgang mit Sterben und Tod geht. Passend zum Projekt hieß sein Programm „Der Tod, das muss ein Wiener sein“.

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Ernst Konarek

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