11.03.18

Sorge-Gespräche führen zu Schlüsselthemen des Lebens

Das Pilotprojekt des Hospiz Esslingen, das die Entwicklung einer kommunalen Sorgekultur in der Stadt zum Ziel hat, ist auf einem guten Weg. Das sagte Susanne Kränzle, Gesamtleiterin des Hospiz und Mit-Initiatorin von „Letzte Fragen: Esslingen im Dialog“ bei der zweiten Moderationswerkstatt.

© U. Rapp-Hirrlinger

Susanne Kränzle (r.) begrüßt die Workshop-Teilnehmer

Ziel des in Baden-Württemberg bisher einmaligen Projektes ist es, die gesamte Gesellschaft in die Verantwortung für ein gutes Leben und Sterben einzubeziehen. Es geht aber auch darum, das Lebenswissen und die Lebenserfahrungen von Bürgerinnen und Bürgern aller Altersgruppen sichtbarer zu machen und Menschen dabei in Beziehung und ins Fragen zu bringen.Dazu werden in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen sogenannte „Sorge-Gespräche“ geführt, um Erfahrungen, Erwartungen und Wünsche zu sammeln. In den Moderationswerkstätten werden diese Gespräche unter fachkundiger Anleitung geübt.

Susanne Kränzle freute sich, dass es gelungen ist, mit dem Projekt einen Querschnitt der Bevölkerung zu erreichen und bei beiden Workshops sehr tiefgehende, intensive Gespräche zustande kamen. Die offene Atmosphäre sei auch deshalb entstanden, weil sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gerade nicht so gut kennen, hat sie erfahren.

Dekan Bernd Weißenborn betonte ausdrücklich die Unterstützung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde als Trägerin des Hospiz Esslingen für dieses Projekt: „Wir freuen uns sehr über dieses besondere Engagement.“

„Die Sorge gehört in die Mitte der Gesellschaft“

Beim zweiten Treffen sollten die Erfahrungen der Teilnehmenden zusammengetragen und ausgewertet werden. 36 Sorge-Geschichten haben sie gesammelt, insgesamt seien es bereits rund 100, berichtete Dr. Patrick Schuchter von der Alpen-Adria-Universität in Wien, der gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Heller das Projekt wissenschaftlich begleitet. „All diese Geschichten geben vielfältige Perspektiven von Bürgerinnen und Bürgern wieder, sie schildern die Netzwerke um Betroffene herum, aber auch deren Einsamkeit - in Familien, Nachbarschaften, Freundschaften und der Öffentlichkeit.“ Vielfach gehe es um die Erkrankung oder den Verlust naher Angehöriger, die Situation pflegender Angehöriger, aber auch um die Betroffenheit über die Not von anderen. Kritisiert wurde, dass Sorge-Arbeit traditionell Frauensache ist, sie unter- oder schlecht bezahlt ist und oft in die Unsichtbarkeit des privaten Raums verdrängt wird. Das Projekt, so die Überzeugung von Patrick Schuchter, trage erstmalig dazu bei, das „stumme“ Sorge-Wissen für ein gutes Leben und Zusammenleben zu bergen, bewusst zu machen und zu teilen. „Die Sorge gehört in die Mitte der Gesellschaft.“

Aus den Sorge-Geschichten wurden philosophische Schlüsselfragen herausgefiltert: Was hält eine Freundschaft aus und zusammen? Wie stiften, bewahren und behüten wir Verbundenheit und Vertrauen – nicht zuletzt zu Unbekannten und Fremden? Wie ist Empathie möglich in der modernen Gesellschaft? Was heißt es, Initiative und Verantwortung zu übernehmen? Welche Jenseits-Vorstellungen habe ich und was bedeuten diese für meine Lebensführung? Was heißt es, Hilfe anzunehmen? Wie können wir unser Selbstwertgefühl wahren oder aufrichten in Krisen?

Besondere Atmosphäre trotz der Schwere der Themen

Dass es mitunter nicht einfach ist, Menschen für solche Sorge-Gespräche zu gewinnen, schilderten einige Teilnehmerinnen. Vielen falle es schwer, über Gefühle oder Ängste zu sprechen, vor allem im vertrauten Bereich. Leichter falle es in fremden Rahmen, etwa am Arbeitsplatz, so eine Erfahrung. Eine andere Teilnehmerin, die eine größere Runde an einen Tisch gebracht hatte, beschrieb die „besondere Atmosphäre, die trotz der Schwere der Themen, die alle mit dem Sterben zu tun hatten, nicht bedrückend war“. Diskutiert wurde auch, ob über soziale Aktivitäten wie etwa ein Nachbarschaftsfest Nähe und das Gefühl füreinander da zu sein, entstehen kann.

Susanne Kränzle zieht aus der zweiten Moderationswerkstatt ein positives Fazit: „Es ist ermutigend, wie tief die Menschen ins Gespräch kommen können, wenn Gespräche ein wenig strukturiert und fokussiert geführt werden. Wir wünschen uns, dass noch viele weitere Gespräche geführt und protokolliert werden.“

Weitere Interessierte sind willkommen

Am 7.6. findet die dritte Moderationswerkstatt statt, für den Herbst ist eine Abschlussveranstaltung geplant. Wer Interesse an einer Teilnahme oder Fragen zum Projekt hat, kann sich gerne bei Susanne Kränzle im Hospiz Esslingen melden, Tel. 0711 136320 - 10 oder s.kraenzle@hospiz-esslingen.de

© U. Rapp-Hirrlinger

Dekan Bernd Weißenborn und Pfarrerin Dorothea Gölz-Most (Mitte)

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Dr. Patrick Schuchter

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Teilnehmende im Gespräch