25.10.17

Für ein gutes Lebensende ist jeder mit verantwortlich

„Letzte Fragen: Esslingen im Dialog“ heißt ein Pilotprojekt des Hospiz Esslingen, das die Entwicklung einer kommunalen Sorgekultur in Esslingen zum Ziel hat. Am 28. November gibt es zu dem in Baden-Württemberg bisher einmaligen Projekt eine Auftaktveranstaltung.

Hospizarbeit und Palliative Care sind zum festen Bestandteil der Versorgung am Lebensende geworden – allerdings überwiegend auf Institutionen beschränkt. Das Projekt geht einen Schritt weiter, indem es die gesamte Gesellschaft in die Verantwortung für ein gutes Leben und Sterben einbezieht. „Wir wollen Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen ins Gespräch bringen. Sie sollen sich Gedanken machen, wie in Esslingen bis zuletzt gut gelebt werden kann“, sagt Susanne Kränzle, die Leiterin des Hospiz Esslingen.

Sorgende Gemeinde

Dahinter stehe der Gedanke einer sorgenden Gemeinde, der sogenannten „Caring Community“. „Für ein gutes Lebensende sind nicht nur die Profis verantwortlich, sondern jeder“, ist Kränzle überzeugt. Doch dazu muss man wissen, was die Menschen bewegt, welche Sorgen sie im Alltag drücken und wo ihre Bedürfnisse liegen. Zuhören ist deshalb ein wichtiger Aspekt des Projektes. „Es geht darum, versteckte Alltagssorgen sichtbar zu machen“, erklärt Dr. Patrick Schuchter vom Institut für Palliative Care und Organisations-Ethik an der Alpen-Adria-Universität in Wien, der das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Heller wissenschaftlich begleitet. Erfahren könne man das vom Hausmeister ebenso wie von der Friseurin oder dem Taxifahrer. Deren Geschichten zu hören, ist ein Ziel des Projektes. Daraus soll ein Klima der nachbarschaftlichen Sorge füreinander entstehen.

Workshops machen fit für Gespräche

Am Anfang stehen Workshops, in denen Interessierte für die Moderation von Gesprächsrunden fit gemacht werden. Allerdings betont Schuchter, dass es sich nicht um eine Qualifizierung handelt. Alles soll auf informellem Niveau stattfinden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen dann in ihrem jeweiligen Umfeld Gesprächsgruppen initiieren – im Verein, am Arbeitsplatz, in Schulen, im Pflegeheim oder in Kirchengemeinden. Dadurch könnten neue Netzwerke entstehen, aber auch vorhandene Strukturen wie etwa bestehende Gesprächskreise eingebunden werden, erhofft sich Kränzle.

Das Wissen und die Weisheit der Menschen weitergeben

Im Gespräch kann es um Erfahrungen mit hospizlichen Themen gehen und die Frage, wie man damit in Berührung kommt. Menschen sollen ihre persönlichen Erlebnisse und Gedanken einbringen. Was die Moderatoren im Gespräch erfahren, soll wissenschaftlich ausgewertet werden. Möglicherweise könne daraus eine Handreichung werden, sagt Schuchter. Ganz bewusst setzt das Projekt nicht auf Expertenwissen. „Es geht uns um das Wissen und die Weisheit der Bürgerinnen und Bürger“, betont der Wissenschaftler. Diese könnten dann weitergegeben werden und für andere Felder ehrenamtlicher Arbeit genutzt werden.

Für Dekan Bernd Weißenborn ist das Projekt Ausdruck des Anliegens der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, den Gedanken der Hospizbewegung politisch und gesellschaftlich voranzubringen. „Das Projekt trägt dazu bei, bewusst zu machen, wie in Esslingen gestorben wird, und es kann einen Schub geben für eine Diskussion über Maßstäbe würdigen Sterbens.“

Hospiz-Beirat stützt das Projekt

Den Hospiz-Beirat hat das Projekt geschlossen hinter sich: „Alle haben zugesagt, die Idee in ihre Kreise zu tragen“, freut sich Siegfried Bessey, der Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats und Mitglied im Hospiz-Beirat. Das Gremium steht auf einer breiten Basis: Landkreis und Kirchen, Pflegeheime und Klinikum sind unter anderem darin vertreten. Finanziert wird das auf ein Jahr angelegte Projekt jeweils zur Hälfte vom Förderverein Hospiz Esslingen und der Lechler-Stiftung.

Auftakt am 28. November

Die Auftaktveranstaltung, zu der alle Interessierten eingeladen sind, findet am 28. November von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr im Ertinger-Gemeindehaus, Keplerstr. 41, bei der Martinskirche in Oberesslingen statt. Eine Anmeldung ist erforderlich unter Tel. 0711 13 63 20 10 oder s.kraenzledontospamme@gowaway.hospiz-esslingen.de

Die Workshops finden statt am 11. Januar, 8. März und 7. Juni 2018.